Neben dem Säureaufschluss ist seit den 80er Jahren des letzten
Jahrhunderts auch die Verbrennungsmethode nach Dumas etabliert.
Interessanterweise ergibt die Recherche, das diese Methode deutlich
älter als der Kjeldahlaufschluss
ist. Dumas hatte diese bereits 1848 in Paris erstmalig veröffentlicht,
als er bei der Erforschung der Zusammensetzung von natürlichen Ölen
versuchte, seine Proben zu verbrennen. Bei diesen Experimenten handelte
es sich allerdings zunächst um eine Analyse von Kohlenstoff und
Wasserstoff und nicht des Stickstoffs. Die Verbrennung erlaubt also die
Analyse mehrerer Parameter, während der Kjeldahlaufschluss "nur" für den
Stickstoff geeignet ist.
Abbildung 1: Jean Dumas, 1848
Ziel war seinerzeit aber zunächst eine Kontrolle über die rigiden
Reaktionsbedingungen durch apparative Lösungen zu erreichen, d.h.
die Proben kontrolliert bei möglichst hohen Termperaturen zu
verbrennen
für die Verbrennung hochreinen Sauerstoff zu verwenden
die entstehenden Verbrennungsprodukte selektiv aufzufangen
aufgrund der Gewichtsveränderung von Kondensationsfallen auf
die Zusammensetzung der Ausgangsprobe zurückzurechnen
Diese Verbrennungsreaktion (Gleichung 1) verläuft bei organischem
Proben nach dem folgenden Reaktionsschema, wenn man vom Einsatz von
reinem Sauerstoff bei der Verbrennung ausgeht:
(CxHyNz)
(s/l) + O2(g) -----> x CO2 (g)
+ y H2O (g) + z NO2 (g)
(1)
Kohlenstoff und Wasserstoff der festen bzw. flüssigen Probe (CxHyNz)
werden vollständig in die korrespondierenden Produkte Kohlendioxid CO2
und Wasser H2O umgesetzt, Stickstoff wird zunächst zu NO2
oxidiert.
Erste apparative Umsetzung
Eine erste Zersetzungsapparatur zur Durchführung einer kontrolliert
ablaufenden Hochtemperaturpyrolyse (d.h. Zersetzung ohne Zusatz von
Sauerstoff) mit nachfolgender Analyse der entstandenen Gase konstruierte
Antoine Lavoisier im Jahre 1789. Hierbei konnte er vier entscheidende
Probleme lösen:
das Erreichen einer ausreichend hohen Temperatur zur vollständigen
Verbrennung
die Generierung von hochreinem Sauerstoff bzw. ausreichender Hitze
ohne Stickstoffverunreinigungen für die Verbrennung
das selektive Auffangen von Kohlendioxid und Wasser ohne sich
gegenseitig zu stören
eine ausreichend präzise Waage zur Bestimmung der
Gewichtsdifferenzen vor und nach der Verbrennung.
Die notwendige Energie/Temperatur erzeugte Lavoisier in situ
über eine Gasentladungslampe (Abbildung 2, links). Die entstehende
Energie/Hitze führte er in die Apparatur mit der Probe und zersetzte
diese damit erfolgreich. Die entstandenen Gase wurden über
Kondensationsfallen (Abbildung 2, rechts) aufgefangen. Eine
Differenzwägung vor und nach der Verbrennung ließ quantitative
Rückschlüsse auf die Zusammensetzung der Probe zu. [1]
Abbildung 2: Verbrennungsapparaturen nach Lavoisier mit
Gasentladungslampe (links), wo die flüssige Ölprobe über das
Einleitungsrohr A auf die Hitzequelle gespritzt wird. Die
Verbrennungsprodukte werden in der Apparatur (rechts) in den mit Lauge
geflüllten Glasgefäßen (auf dem Tisch) aufgefangen.
Immer noch problematisch ist hierbei der hohe Druck bei der
Entstehung der Verbrennungsprodukte, dem derartige Glasapparaturen nicht
immer standhielten. Dazu machte Justus Liebig in seinem Gießener
Laboratorium 1789 die revolutionäre Entdeckung, dass reiner Sauerstoff
auch in situ erzeugt und direkt zur Verbrennung organischer
Proben verwendet werden kann. Seine Apparatur dazu war deutlich
einfacher und ungefährlicher handhabbar im Vergleich zur der
Lavoisiers'. Hierzu verwendete er sauerstoffreiche Metallsalze die bei
Energiezuführung durch eine Kohleverbrennung Sauerstoffgas freisetzen
(Abbildung 3, links).
Abbildung 3: Verbrennungsapparatur nach Liebig mit in
situ-Erzeugung von reinem Sauerstoff im Verbrennungsrohr (1).
Austretende Gase können mit Absorptionsfallen für Wasser (2) und
Kohlendioxid (3) analysiert werden.
Revolutionär war u.a. auch die Kondensationsfalle für Kohlendioxid
(Punkt 3 in Abb. 3), die aus einem 5-Kugel Glaskörper bestand, der zur
Hälfte mit Kalilauge gefüllt war. Das Kohlendioxid aus der Probe konnte
hiermit zu Kaliumcarbonat (K2CO3) reagieren und
somit vollständig aus dem Gasstrom der Verbrennungsprodukte abgetrennt
werden. Eine Differenzwägung der Absorptionsfallen (2) und (3) vor und
nach der Analyse lieferte quantitative Rückschlüsse auf den Wasserstoff-
und Kohlenstoffgehalt der verbrannten Probe. Die American Chemical
Society würdigte die Bedeutung dieser Entdeckung mit der Implementierung
des Liebigschen 5-Kugel-Gas-Kondensers in Ihrem bis heute noch
aktuellen Logo (s. Abbildung 4, rechts). [2]
Abbildung 4:
5-Kugel-Kondensationsfalle für Kohlendioxid von Liebig und das
Logo der American Chemical Society (rechts) mit Adler und Gaskondenser.
Moderne Verbrennungsgeräte
Probenzuführung und
Verbrennung
Während der Säureaufschluss
nach Kjeldahl die organische Probe auf eher rustikale
Art und Weise zerstört, bietet sich mit der Verbrennung eine etwas
elegantere und zeitsparende Möglichkeit. Die Probe wird kontrolliert
oxidiert und die resultierenden, gasförmigen Produkte der weiteren
Analyse unterzogen. Ziel ist die vollständige Konversion der Probe in
die Hauptprodukte Kohlendioxid, Wasser und Stickstoffdioxid (Gleichung
2), ohne das die Nebenprodukte Kohlenmonoxid CO und Stickstoffmonoxid NO
aus unvollständiger Verbrennung heraus entstehen.
(CHNO) (s)
+ O2 (g) -> CO2 (g) + H2O
(g) + NO2
(g) (2)
Da Luft zu weit über 70 % Stickstoffanteile enthält, muss apparativ
zunächst sichergestellt werden, das der störende Luftstickstoff vor der
Analyse vollständig von der Probe separiert wird. Dazu ist ein
leistungsfähiger Probengeber notwendig. Schlüssel zum Erfolg ist hier
eine effektive Abdichtung gegenüber der Umgebungsluft in Kombination mit
einer ausreichenden Spülfunktion, damit Möglichkeiten einer
gegenseitigen Wechselwirkung ausgeschlossen sind. Abbildung 5 zeigt zwei
solcher Modelle.
Abbildung 5: Probengeber
mit Spülfunktion (links, manuelles Modell) und automatischer
Probengeber mit mehreren Probentabletts (rechts,
pneumatisch). Über die Helium-Zufuhr wird eine Spülkammer kontinuierlich
gespült, bevor die Probe durch den Schieber mechanisch oder manuell der
Verbrennung zugeführt wird.
Moderne Verbrennungsgeräte nutzen die Heliumtechnologie, um
Luftstickstoff zu vertreiben sowie gleichzeitig die größtmögliche
Präzision in der Analyse zu erreichen. Zusätzlich muss die Probe aber
noch verpackt werden, damit keine Umgebungsluft die Analysenwerte
verfälscht. Beispielhaft sei ein derartiger Analysengang am Gerät DUMATHERMTM
von C. Gerhardt in Abbildung 6 näher erläutert. Basierend auf dem
bereits vorgestellten klassischen Prinzip kann hier mit moderner
Steuerung nahezu wartungsfrei gearbeitet werden.
Abbildung 6:
Analysenprinzip von einem Verbrennungsgerät
nach Dumas mit Autosampler AS, Verbrennungsreaktor LR
mit Ascheeinsatz AE sowie Reduktionsreaktor RR gefüllt mit Kupfer und
Systemen zur Wasser- (KF, F1, F2) und Kohlendioxidabtrennung (F3).
Abschließend Wärmeleitfähigkeitsdetektor WLD und externer PC zur
Datenauswertung.
Der pneumatische Probengeber führt die in Zinnfolie eingepackte feste
oder flüssige Probe (rote Päckchen) dem Verbrennungsreaktor (Abb. 6,
LR) zu. Simultan wird der Heliumgasstrom umgestellt auf Sauerstoff, um
die Verbrennung einzuleiten. Die Probe verbrennt und die entstehende
Asche wird im Ascheeinsatz (AE) gesammelt. Die gasförmigen
Verbrennungsprodukte reagieren unter Zuhilfenahme zweier Katalysatoren
vollständig zu den gewünschten Oxiden und werden nach Beendigung der
Verbrennung durch einen Heliumstrom durch das Gerät
hindurchtransportiert. Zunächst werden die Stickoxide im
Reduktionsreaktor (Abb. 6, RR) zu elementarem Stickstoff reduziert,
während die beiden anderen Produkte Wasser und Kohlendioxid als
Nebenprodukte in speziellen Fallen (F1 bis F3) abgetrennt werden. Es
verbleibt ein Gasstrom aus Helium und Stickstoff, woraus der Stickstoff
mit einem Wärmleitfähigkeitsdetektor gemessen werden kann.
Computersteuerung erlaubt die direkte Auswertung der Analysendaten.
Zurück zur Verbrennungsreaktion :
(CHNO) (s/l)
+ a O2 (g) -> CO2 (g) + H2O
(g) + NO2 (g) (3)
Bei der Verbrennung muss die Zufuhr von ausreichend Sauerstoff
sichergestellt sein. Man kann einen hohen Überschuss an Sauerstoff
zugeben, was aber aus ökonomischer und ökologischer Sicht keinen Sinn
macht. Daher hat sich die Verwendung von Verbrennungsfaktoren a
(Gleichung 3) auf Basis der Probenzusammensetzung bei modernen Geräten
etabliert. Hierbei wird die Probeneinwaage mit einem probenspezifischen
Faktor a multipliziert (Gleichung 4), woraus die Menge an Sauerstoff für
die Verbrennung berechnet wird.
Einwaage [mg] *
Verbrennungsfaktor a = Sauerstoffmenge [ml] (4)
Hinzu kommen mögliche Verbrennungshilfen, wie die zur
Probenverpackung eingesetzte Zinnfolie und hilfreiche
Verbrennungskatalysatoren zur Unterstützung der
Hochtemperaturverbrennung. All dies verschiebt das
Reaktionsgleichgewicht in Richtung der gewünschten Produkte Kohlendioxid
(CO2) und Wasser (H2O). Die nicht erwünschte
Entstehung des Nebenproduktes Kohlenmonoxid (CO) wird auf diese Weise
unterbunden. Überschüsse an Sauerstoff sind damit nicht mehr notwendig,
wodurch ein populäres Gegenargument gegen die Verbrennungsmethode - der
hohe Sauerstoffverbrauch - eliminiert wurde.
Positiver Nebeneffekt der verwendeten Hochtemperaturkatalysatoren ist
die drastische Beschleunigung der Reaktion, wodurch die Analysenzeit
von bislang üblichen 5-8 Minuten auf unter 3 Minuten nahezu halbiert
wurde. Abbildung 7 zeigt qualitativ den Reaktionsverlauf bei Einsatz von
Katalysatoren. Die Aktivierungsenergie ΔG≠ ist durch die
Katalysatoren deutlich herabgesetzt.
Abbildung 7:
Freie Reaktionsenthalpie bei einer Verbrennung mit DUMATHERMTM
unter Einsatz von Verbrennungskatalysatoren zur Herabsetzung der
Aktivierungsenergie ΔG≠.
Reduktion über Kupferspäne
Die zweite chemische Reaktion bei der Stickstoffbestimmung ist die
Reduktion des Stickoxids NO2 zu elementarem Stickstoff
(Gleichung 5), wozu sich eine metallische Oberfläche an Kupfer gegenüber
Wolfram durchgesetzt hat.
NO2 (g)
+ 2 Cu (s) à N2 (g) + CuO (s)
(5)
Während Wolfram noch unter Volumenausdehnung zu Wolframoxid oxidiert
wird, und damit die Gefahr des Glasbruchs beim heißen Reduktionsreaktor
mit sich bringt, zeigt Kupfer diese Problematik nicht und hat zudem noch
eine viel höhere Leistungsfähigkeit. Damit sind auch die Stickoxide
erfolgreich in Stickstoff umgewandelt worden und somit nur noch die
Nebenprodukte Kohlendioxid und Wasser von der Verbrennung aus dem
Gasstrom zu entfernen, bevor die Detektion des Stickstoffs erfolgen
kann.
Wasserabtrennung
Um Wechselwirkungen bei der Detektion des Analyten Stickstoff
auszuschließen, muss Wasser vollständig aus dem Gasstrom entfernt
werden.
Abbildung 8:
Wasserabtrennung mit NafionTM (wasserdurchlässiger Innenschlauch,
gestrichelte Membran). Während die Analysengase N2 und He ungehindert
den Gastrockner passieren, wird Wasser H2O aufgefangen und mit dem
Spülgas Stickstoff im Gegenstrom abtransportiert.
Kohlendioxidabtrennung
Für die Abtrennung
von Kohlendioxid müssen besonders leistungsfähige Fallen verwendet
werden, weil Kohlendioxid neben Stickstoff detektiert wird und somit zu
Verfälschungen im Analysenergebnis führt.
Abbildung
9: Selektive Adsorption und Desorption von Kohlendioxid an
speziellen Molekularsieb-Oberflächen.
Detektion
und Auswertung
Für die Detektion von Stickstoff werden Wärmeleitfähigkeitsdetektoren
verwendet. Hier empfielt sich insbesondere Helium als Trägergas, da
dieses eine im Vergleich zum zu messenden Stickstoff stark reduzierte
Wärmeleitfähigkeit aufweist. Tabelle 1 zeigt die Wärmeleitfähigkeiten
der in der Elementaranalyse gebräuchlichen Gase. Je größer der
Unterschied in den Wärmeleitfähigkeiten ist, desto besser ist die
Detektionsfähigkeit und die Präszision des Gerätes. Helium als Trägergas
und Stickstoff als Analyt sind hier die ideale Kombination, da damit
sogar ein Referenzgasfluss im Detektor (wie er in klassischen Detektoren
basierend auf einer Wheatstoneschen Brückenschaltung noch notwendig
war) überflüssig wird.
Gasbezeichnung
λ 300 K[W/m*K]
Helium He
156,7
Kohlendioxid CO2
16,8
Stickstoff N2
26,0
Kohlenmonoxid CO
16,8
Quelle: www.wikipedia.de,
2011.
Tabelle 1:
Wärmeleitfähigkeiten λ der in der Elementaranalyse
eingesetzten Gase bei 300 K.
Fazit
Die Stickstoff-/Proteinanalyse
nach Dumas ist eine ernstzunehmende Alternative zur
Säureaufschlussmethode nach Kjeldahl, wenn das Probenmaterial alle
notwendigen Voraussetzungen (ausreichende Homogenität, einfache
Handhabung, …) aufweist, die für eine erfolgreiche Analyse mit einem
Verbrennungsgerät notwendig sind. Nicht ohne Grund etabliert sich
deshalb die Verbrennungsmethode immer mehr als zweite Referenzmethode
neben der Kjeldahlmethode,
u.a. auch weil moderne Geräte der Kjeldahlmethode in Präzision und
universeller Einsetzbarkeit in nichts nachstehen.
Abbildung 10:DUMATHERM
: leistungsfähiges und hochpräzises System von C. Gerhardt für
die Dumas-Analyse von festen und flüssigen Proben.
[1] Traité Élémentaire de Chimie", 1789,
Vol. II, Kapitel VII, S. 493-501.
[2] Justus Liebig: Ueber einen neuen
Apparat zur Analyse organischer Körper, und die Zusammensetzung einiger
organischer Substanzen., Annalen der Physik 21: 1 - 47, 1831.